von Götz Uwe Kreß – Mentor für Identität & Wandel

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Was Sabine Weiss aus ihrer Praxis und ihrem eigenen Leben erzählt

Hochsensible Menschen sind für toxische Partner besonders attraktiv.

Und rutschen tiefer in eine toxische Beziehung als andere.

Warum?

Wenn wir genauer hinsehen, finden wir den Schlüssel zu einem Themenfeld, in dem oft etwas Wesentliches übersehen wird.

Sabine Weiss, Paartherapeutin in Wien, arbeitet seit Jahren mit Menschen, die sich aus solchen Konstellationen lösen wollen. Was sie in unserem Interview erzählt, stellt die Dynamik an vielen Stellen anders dar als viele vermeintliche Fachleute.

In diesem Artikel

  • erfährst du, was hochsensible Menschen für toxische Partner in fataler Weise zu idealen Opfern macht.
  • liest du, was Sabine über die typische Falle der Schuldzuweisung herausgefunden hat — und was die entscheidende Wendung bringt
  • wird gezeigt, wie du toxische Persönlichkeit und Beziehungsdynamik erkennen und auseinanderhalten kannst (und was oft zu falschen Schlüssen führt)
  • erfährst du, warum Liebe nicht das Allheilmittel für jede Beziehung ist — und was das für deinen Seelenfrieden bedeutet

Warum Hochsensible zur Zielscheibe werden

Sabine sagt einen Satz, der einen kurz innehalten lässt: Für toxische Partner sind hochsensible Menschen ein Geschenk.

Der Grund ist nicht romantisch.

Hochsensible reagieren schnell auf Stimmungen. Sie lesen Bedürfnisse vorausschauend. Sie geben viel. Und sie können tief bewundern. All das macht sie zur idealen Versorgungsquelle für Menschen, die innerlich ein Fass ohne Boden sind.

Sabine vergleicht das mit dem alten Kinderlied „Ein Loch ist im Eimer". Egal, wie viel das Gegenüber gibt, der Eimer wird nie voll. Genau das macht hochsensible Menschen zu idealen Partnern für jemanden, der ohne diese permanente Zuwendung nicht existieren kann.

Das ist die eine Seite.

Die andere: Hochsensible Menschen beißen ihrerseits besonders schnell auf die speziellen Köder an.


Warum Lovebombing gerade bei Hochsensiblen so wirksam ist

Wer schon einmal in einer toxischen Beziehung war, kennt die Anfangsphase. 

Lovebombing, Future-Faking, ein Übermaß an Aufmerksamkeit. Das Gefühl, gerade den Menschen seines Lebens getroffen zu haben.

Sabine beschreibt das als Drogenrausch und meint das nicht als Metapher. Denn es werden tatsächlich Hormone in einem Maß ausgeschüttet, das dem einer Drogenwirkung nahekommt.

Bei hochsensiblen Menschen ist dieser Effekt besonders stark. Und zwar genau aus dem Grund, der sie sonst auszeichnet — den schwächeren Reizfiltern. Was bei nicht-hochsensiblen Menschen ein angenehmes Hochgefühl ist, ist bei Hochsensiblen ein Rausch. Tiefes Eintauchen, schnelles Verlieben, und ein hartes Aufwachen.

Denn die zweite Phase kommt zuverlässig. Sobald die toxische Person sich des Partners sicher ist, beginnt der Zyklus aus Rückzug und gelegentlichem Wieder-Andocken.

Sabine bringt einen drastischen Vergleich: Wie ein Vampir, der genau weiß, wieviel Blut sein Opfer zum Überleben braucht. Aber genau bis dahin trinkt er. Dann füttert er sein Opfer wieder etwas an. Dann zieht er sich zurück. Dann füttert er wieder.

Für hochsensible Menschen ist gerade dieses Zurückziehen aus der anfänglichen Verbindung qualvoll. Weil sie die Verbindung tatsächlich gespürt und etwas Besonderes darin gesehen haben. Und dann schwer akzeptieren können, dass sie getäuscht wurden.

Sabine erzählt das auch über sich selbst.

Sie hat dieses Muster nicht nur in Liebesbeziehungen erlebt, sondern auch in Freundschaften. Ein halbes Jahr explosive Nähe, Tag und Nacht in Kontakt, gemeinsame Reisen. Dann der erste Kontaktabbruch. Dann wieder. Dann wieder.

Bis ihr klar wurde, dass es dasselbe Muster auf einer anderen Bühne war. Sie musste eine der intensivsten Verbindungen ihres Lebens aufgeben.

Weil sie verstanden hatte, dass das, was sich nach Andocken anfühlte, ein Ausgesaugt-Werden war.


Die nächste Falle

Eine Beobachtung aus Sabines Praxis, die ich für besonders aufschlussreich halte: Wenn Menschen mit Verdacht auf einen narzisstischen Partner zu ihr kommen, sagen sie meist: „Mein Partner ist Narzisst, ich brauche eine Diagnose, dann kann ich mich endgültig trennen."

Hochsensible Klientinnen sagen das selten. Sie kommen mit einer ganz anderen Frage.

„Bin ich das Problem oder er?"

Das ist die zweite, spezielle Falle. 

Hochsensible haben sich häufig schon selber durchleuchtet, bevor sie einen Profi aufsuchen. Die Bemühung um Harmonie, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, die detaillierte Selbstkritik — all das macht sie als Menschen wertvoll. Und in toxischen Konstellationen besonders verletzlich. 

Wer sich gewöhnt hat, die Ursache für jeden Konflikt erst einmal bei sich selbst zu suchen, gibt einem Gegenüber, das genau diese Eigenschaft ausnutzt, viel Material.

Was Sabine aus dieser Beobachtung mitgenommen hat: Bei vielen ihrer Klientinnen, die wegen toxischer Beziehungen zu ihr kommen, stellt sich nach der zweiten Sitzung heraus, dass sie hochsensibel sind. Ohne dass sie es vorher auch nur geahnt hätten. 

Hochsensibilität ist hier oft die unerkannte Hintergrundkonstante, die das Muster überhaupt erst möglich gemacht hat.


Perspektivwechsel

Das ist Sabines wichtigster Befund zu diesem Themenfeld.

Es gibt heute eine ganze YouTube-Industrie zu narzisstischen Beziehungen mit Erklärvideos, Persönlichkeitsmerkmalen, Manipulationstaktiken, Listen mit roten Flaggen.

Sabine selbst hat 2017 mit ihrem ersten Video zu diesem Thema einen Treffer gelandet, der viral gegangen ist, wie sie erzählt. Sie hat damals den Fokus aufs Außen gerichtet, auf den Narzissten, die toxische Persönlichkeit.

Heute macht sie etwas anderes.

Sie versucht, ihre Klientinnen und Zuschauerinnen immer wieder vom Außen ins Innen zu lenken.

Nicht: Was macht der andere? Sondern: Was geschieht in mir? Was hält mich gefangen? Was suche ich, wenn ich diesem Sog folge?

Sie bringt es so auf den Punkt: Solange wir nur aufs Außen schauen, sind wir Affen, die im Zoo den Narzissten begaffen. Aber wir kommen nicht weiter.

Was uns weiterbringt, ist die Frage nach uns selbst.

Und das ist auch der Punkt, an dem es langsam wirklich anstrengend werden kann.


Oft ist es die Dynamik, nicht die Person

Eine Unterscheidung, die viele Menschen entlastet, die fälschlich denken, ihr Partner sei „toxisch" oder „narzisstisch".

Sabine hat in den letzten Jahren eine Online-Heilungsgruppe für Menschen aufgebaut, die sich aus solchen Mustern lösen wollen.

Was ihr in dieser Gruppe immer deutlicher wurde: Nicht jede schwierige Beziehung wird von einer toxischen Persönlichkeit verursacht. Oft entstehen sehr ähnliche Symptome aus einer Bindungsdynamik, in der keiner der Partner als toxisch einzuordnen wäre.

Wenn ein bindungsfähiger Mensch — jemand, der weiß, wie eine Beziehung aussieht, der sie schon erlebt hat und sich eine wünscht — auf einen bindungsunfähigen oder oder auch bindungsunwilligen Partner trifft, entsteht eine Dynamik, die genauso toxische Züge annehmen kann.

Ständige Unzufriedenheit. Ein anhaltendes Craving. Eine Sehnsucht, die nicht erfüllt wird. Bis hin zu körperlichen und psychischen Symptomen.

Was hier hilft, ist nicht eine Diagnose des anderen. Sondern eine Erkenntnis, die für viele bitter ist und gleichzeitig befreit:

Liebe rettet doch nicht alles.

Auch zwei Menschen, die sich aufrichtig lieben, können in einer Konstellation stehen, die sie gegenseitig unglücklich macht.

Hollywood erzählt uns das gern anders — bei wahrer Liebe geht alles, wenn man nur durchhält.

Aber das ist ein gefährliches Märchen. Manchmal ist die einzige gute Lösung die Trennung. Ohne dass jemand der Bösewicht sein muss.


Was du jetzt mitnehmen kannst

Wenn du dich beim Lesen wiedererkannt hast — sei es in der toxischen Anziehung oder in der „Bin ich das Problem?"-Frage — dann gibt es drei Dinge, die du diesem Artikel entnehmen kannst.

1. Hör auf, den anderen zu diagnostizieren. Schau bei dir.

Was suchst du, wenn du diesem Sog folgst? Welcher Mangel wird gefüllt, welche Sehnsucht bedient? Die Antworten auf diese Fragen führen weiter als jede Liste über narzisstische Persönlichkeitsmerkmale.

2. Unterscheide Person und Dynamik.

Nicht jede schwierige Beziehung ist toxisch im engeren Sinn. Manchmal passen zwei Menschen einfach nicht zueinander, auch wenn sie sich lieben. Das zu erkennen ist nicht Versagen. Es ist Reife. Und es entlastet beide, auch den, der sonst zum „Toxischen" gestempelt würde.

3. Glaub nicht, dass Liebe ein Beweis ist.

Liebe allein macht eine Beziehung nicht gesund. Wenn die Konstellation dich permanent erschöpft oder krank macht, ist das ein Signal. Kein Versagen. Du darfst gehen, auch wenn du noch liebst.


Weitere Themen

Dieser Artikel ist Teil eines ausführlichen Gesprächs mit Sabine Weiss. Wenn dich interessiert, wie sich Hochsensibilität auf Sexualität und Intimität auswirkt — und warum die feine Wahrnehmung dort zur größten Hürde werden kann —, findest du das im verwandten Artikel Hochsensibilität und Sexualität.

Wenn du gerade Liebeskummer überwinden willst (Artikel ist aktuell in Arbeit und geht in einigen Tagen online.), ist Sabines Befund über volle kognitive Kapazität als Weg aus dem Hirn-Labyrinth der richtige Anlaufpunkt.


Über Sabine Weiss

Mag. Sabine Weiss ist Psychologische Beraterin in Wien. Ihre Schwerpunkte sind toxische Beziehungen, Liebeskummer, Beziehungsthemen und Singleleben. Sie hat eine spezialisierte Online-Heilungsgruppe für Menschen aufgebaut, die sich aus toxischen Beziehungsmustern lösen wollen.

Ich habe Sabine im Rahmen meiner Recherche für den Beziehungsratgeber für hochsensible Menschen kontaktiert — dort findest du auch weitere Informationen zu ihrer Praxis und ihrem Ansatz.


Wenn du jemanden brauchst, der mit dir hinschaut

Toxische Beziehungsdynamiken zu erkennen, ist die eine Sache. Sich aus ihnen zu lösen, eine andere. Das geht selten ohne Begleitung. Vor allem dann nicht, wenn man jahrelang gelernt hat, jeden Konflikt erst einmal bei sich selbst zu suchen.

Wenn du an einem Punkt bist, an dem du nicht mehr weiter weißt — weder mit dem Partner noch mit der Frage, ob du selbst das Problem bist —, dann ist mein Realitäts-Dialog ein Gespräch dafür. Kein Diagnoseformat, kein Krisenformat. Ein Raum, in dem wir gemeinsam hinschauen, was bei dir gerade los ist und welcher Weg dich gerade trägt.

Schreib mir eine kurze E-Mail mit dem, was dich gerade beschäftigt. Ich melde mich innerhalb von zwei Tagen persönlich bei dir.

E-Mail: post [ät] sensiblehelden.de




Fragen und Antworten

Frage 1: Warum sind hochsensible Menschen besonders anfällig für toxische Beziehungen?

Hochsensible Menschen reagieren schnell auf Stimmungen, geben viel und können tief bewundern. Eigenschaften, die für toxische Partner besonders attraktiv sind. Dazu kommt der schwächere Reizfilter: Was für andere ein angenehmes Hochgefühl ist, ist bei Hochsensiblen ein Rausch. Das macht das Lovebombing in der Anfangsphase wirksamer — und das Erwachen härter.


Frage 2: Was ist der Unterschied zwischen einer toxischen Persönlichkeit und einer toxischen Dynamik?

Eine toxische Persönlichkeit verursacht durch ihre eigenen Muster eine ausnutzende Beziehung. Eine toxische Dynamik kann auch zwischen zwei Menschen entstehen, die einander aufrichtig lieben, aber unterschiedliche Bindungsfähigkeiten haben. Ein bindungsfähiger Mensch trifft auf einen bindungsunfähigen, und es entsteht ein anhaltendes Craving mit körperlichen und psychischen Folgen. Keiner der beiden muss „der Böse" sein.

Frage 3: Warum fragen hochsensible Menschen oft „Bin ich das Problem?"

Weil sie sich gewöhnt haben, jeden Konflikt erst einmal bei sich selbst zu suchen. Die Bemühung um Harmonie, die Bereitschaft zur Selbstkritik — diese Eigenschaften sind wertvoll, in toxischen Konstellationen aber gefährlich. Wer sich permanent selbst durchleuchtet, gibt einem Gegenüber, das genau diese Eigenschaft ausnutzt, viel Material.

Frage 4: Kann ich eine Beziehung verlassen, in der ich noch liebe?

Ja. Liebe allein ist kein Beweis dafür, dass eine Beziehung gehalten werden muss. Auch zwei Menschen, die sich aufrichtig lieben, können in einer Konstellation stehen, die sie krank macht. Manchmal ist die einzige gute Lösung die Trennung. Ohne dass jemand der Bösewicht sein muss.

Wenn du mehr mitkriegst

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Vier Fragen. Zehn Minuten. Warum dein Kopf nicht gut abschaltet 

und was du wirklich tun kannst - ohne Fokus zu verlieren.

Du erhältst kostenlos die vier Fragen und meine Emails zur Selbststeuerung sensibler Stärke.

der Autor

Götz Uwe Kreß – Mentor für Identität & Wandel

Götz Uwe Kreß begleitet Menschen in Phasen der Persönlichkeitsreifung und bei entscheidenden Lebensübergängen. Mit 40 Jahren Erfahrung unterstützt er Menschen, die viel bewegen, Ballast loszulassen und wieder aus der eigenen Mitte heraus zu wirken.

Lies hier seine Gedanken zu Reife & Wandel oder sieh hier seinen methodischen Ansatz.

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