Warum deine stärkste Eigenschaft dich gerade fertig macht.
Nadine wirkt ganz sachlich, fast unbeteiligt, während sie sagt: „Bin total fertig. Körperlich und psychisch.“
Eine gestandene IT-Spezialistin Ende fünfzig sitzt mir gegenüber, und dieser erste Satz ist keine Floskel.
Sie steuert auf ihren dritten Burnout zu, das wissen wir beide.
Vier langjährige Kollegen wird ihre Abteilung in diesem Jahr verlieren. Ihre Projektleiterin führt eine dreißigseitige To-Do-Liste, aber der Alltag richtet sich nicht danach.
Ständig prasselt es auf Nadine ein. Täglich werden ihr "kleine" Aufgaben dazwischen geschoben: „Kannst du mal gerade diesen Text prüfen? Kannst du mal eben diese Tabelle analysieren?“.
Und was macht Nadine?
Sie fängt es auf. Den Stress der Kollegen, den anstehenden Software-Test, der ohnehin immense Konzentration von ihr erfordert.
"Mir platzt bald der Kopf", sind ihre Worte.
Ihr Körper hat ihr schon zweimal die Rechnung präsentiert.
Beim ersten Burnout hatte sie Gleichgewichtsstörungen und lag zwei Monate flach. Als der zweite sich bereits ankündigte, versuchte sie durchzuhalten, bis es schließlich gar nicht mehr ging.
Jetzt leuchten die Warnlampen längst wieder rot. Sie ertappt sich, wie sie Löcher in die Luft starrt.
„Ich merke, dass meine Augen manchmal über den Bildschirm wandern und ich mir denke: Was wolltest du denn eigentlich hier?“
Und in ruhigen Stunden verfällt sie in Depression.
Trotzdem macht sie weiter.
Die eiskalte Logik dahinter
Es gibt einen Unterschied, der erst bei näherem Hinsehen klar wird: Manche Menschen verwalten Verantwortung – andere tragen sie innerlich. Die einen geben weiter, die anderen nehmen alles emotional in sich auf - "Responsibility" und "Accountability".
Kurz gesagt: Verwalter delegieren, Verantwortungsträger absorbieren Stress. Die Verwalter verteilen Aufgaben, führen Listen, delegieren Druck nach unten.
Als Nadine endlich versuchte, sich abzugrenzen und „Nein“ zu sagen, bekam sie genau den Satz zu hören, der ihr Verantwortungsgefühl triggert: „Wir haben alle viel zu tun. Das muss jetzt einfach gemacht werden und alle anderen sind belegt.“
Die Verantwortungsträger absorbieren alles: die Sachprobleme UND das emotionale Gewicht, das daran hängt. Die Vorgesetzte lädt ihren eigenen Stress bei Nadine ab – und Nadine nimmt ihn auf sich. Sie hat diese wunderbare Fähigkeit zu Empathie und Verantwortungsgefühl, die ein deutlicher Hinweis auf ihre sensible Veranlagung ist.
Aber diese Fähigkeit hat einen Preis, über den niemand spricht.

Die Maske der Unverwüstlichen
Mir sind in den Jahrzehnten meiner Arbeit viele Menschen wie Nadine begegnet. Menschen, die eine brillante Fassade gebaut haben. Sie ermöglicht Exzellenz. Ich nenne sie die „Jupiter-Maske“ – strahlend, kompetent, belastbar.
Sie ignorieren die Warnlampe in ihrem System. Selbst das Schrillen der Sirene überhören sie. Bei Nadine machte sich diese Sirene sogar als Pfeifen im Ohr lautstark bemerktbar - ein Tinitus.
Wenn der Körper Symptome entwickelt und „Ich kann nicht mehr“ ruft, gibt diese Maske scheinbaren Halt.
Auch mir selbst ging so, und ich bemerkte es nicht. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um zu erkennen, dass meine eigene Jupiter-Maske nicht mein Schutzschild war – sondern mein Gefängnis.
Diese Maske der Perfektion ermöglicht großartige Leistung, glänzende Karrieren und bewundernde Anerkennung. Das gibt dir ein Gefühl von Sicherheit in einer Welt, die dich früh gelehrt hat: Zeig keine Schwäche. Sei nützlich. Sei perfekt.
Diese verinnerlichten Stimmen – ich nenne sie „Psychogift" – wirken wie ein unsichtbares Betriebssystem. Längst veraltet, bestimmt es aber immer noch jede Entscheidung mit.
Du kennst diese Menschen:
- die sensible Führungskraft, die ihre Wahrnehmungstiefe versteckt;
- der Berater, der allen den Weg zeigt und selbst keinen mehr sieht;
- der Unternehmer, der sein Lebenswerk übergeben soll und spürt, dass er dabei nicht nur die Firma loslässt – sondern seine ganze Identität.
Verschiedene Geschichten, derselbe Mechanismus.
Verlust an kognitiver Kapazität durch Covering
Was dein Gehirn wirklich tut, während du „funktionierst“
Wenn wir permanent Teile von uns verbergen, dann kostet das Kraft. Denn im Kopf läuft ständig ein Hintergrundprogramm. Es steuert, was nach außen sichtbar werden darf, und verbirgt persönliche Identitätsmerkmale, z. B. Erschöpfung, Sensibilität, Zweifel oder auch sexuelle Orientierung. Es ist wie ein permanentes Versteckspiel vor dir selbst und wird deshalb in der Forschung als 'Covering' bezeichnet.
Das Gehirn muss dann in jeder Sekunde zwei Dinge gleichzeitig leisten: die eigentliche Aufgabe bewältigen UND den Filter bedienen.
Das ist nervlicher Dauerstress. Cortisol bleibt chronisch erhöht. Das Denken wird unscharf, Kreativität geht verloren und Entscheidungen fallen schwerer. Selbst Kleinigkeiten können jetzt zur Belastung werden und die Nerven überreizen.
Nach wissenschaftlichen Studien kann der Verlust an kognitiven Kapazität auf bis zu 30 Prozent geschätzt werden. *[Quellen]
Das ist der wahre Grund, warum du plötzlich mit leerem Kopf auf den Bildschirm starrst. Nicht, weil du zu wenig kannst oder leistest. Sondern weil dein Gehirn abschaltet und sagt: Wir brauchen jetzt mal Ruhe.

Manchmal beginnt Veränderung mit einer Farbe.
Vom Funktionieren zum Spüren
Es gibt einen Moment im Coaching, den ich vorbereiten, aber nicht erzwingen kann. Erfahrung, Gespür und was mir mein Gegenüber zeigt, fließen dabei ein. Aber ob jemand den Schritt wirklich tut, ob er bereit ist, sich ehrlich zu spüren und wahrzunehmen, das entscheidet sich in diesem Menschen selbst.
Was in solchen Momenten geschieht, lässt sich schwer beschreiben, ohne es zu zeigen:
Bei Nadine war es der Augenblick, in dem sie sich erlaubte, den kritischen Verstand kurz abzustellen.
Wir arbeiteten mental auf der Bilderebene - in der "Sprache des Unterbewusstseins".
Nadine entwickelte die lebendige und sehr emotionale Vorstellung eines wunderbar weichen, luftigen, sonnengelben Kissens. Da hinein konnte sie sich sinken lassen, und aller Stress fiel von ihr ab. Sie sah und spürte, wie die warme, gelbe Farbe sich überall ausbreitete, in ihrem Körper, ihrem Bauch und den Schultern. Ihre Hände begannen angenehm zu kribbeln.
Und dann passierte etwas, das ihre gesamte Vermeidungs-Strategie in Frage stellte: Sie stellte sich vor, wie diese Energie in ihr Büro strömt, den Schreibtisch und den Computer überspült – und schließlich auch die Projektleiterin, die sie täglich mit Aufgaben überhäuft.
Und dann?
Sie lehnte sich innerlich in ihrem Bürostuhl zurück.
Hörte auf einmal Vogelgezwitscher.
Lächelte die gestresste Kollegin einfach freundlich an.
Und die Projektleiterin? Lächelte zurück.
Das ist der Moment, in dem die Maske nicht mehr gebraucht wird. Nicht, weil die To-Do-Listen verschwinden – sondern weil du aufhörst, die Welt durch Dauerfunktionieren retten zu wollen.
"Welche Antwort hättest du jetzt, wenn es heißt, mach bitte mal kurz...?" fragte ich. Nadines "Nein!" kam in diesem Moment spontan, selbstsicher, klar und ohne Zweifel. Auch wenn dieses neue "Nein" sich erst noch in der realen Arbeitsituation beweisen muss - der emotionale Grundstein ist gelegt.
Wahre Eigenverantwortung beginnt dort, wo du aufhörst, das Auffangbecken für alles und jeden zu sein – und anfängst, die Verantwortung für deine eigene Lebensenergie zu übernehmen.
Wann die Maske nützlich ist - und wann nicht
Dies ist nicht für Menschen, für die der Weg nach oben erste Priorität hat. Nutze deine "Jupiter-Maske", denn sie ermöglicht dir, in deinem Bereich richtig gut, ja großartig zu sein! Sie ermöglicht dir Exzellenz.
Doch wenn du spürst, dass deine stärkste Eigenschaft - Verantwortung tragen, spüren, auffangen - dich gerade mehr kostet, als sie dir gibt.
Wenn dein Körper vielleicht schon Signale sendet, die du nicht wieder mit Disziplin oder dem nächsten Projekt beiseite schieben willst.
Dann brauchst du kein weiteres Optimierungstool.
Sondern den Mut, die 30 Prozent Lebensenergie zurückzuholen, die du gerade im Kampf gegen dich selbst verlierst.
Ein erster Schritt
Genau dafür habe ich ein Framework entwickelt, das ich die Heldenmethode nenne.
Doch bevor du ein Coaching buchst, ein Seminar besuchst oder ein weiteres Buch liest – mach eine einzige Sache: Setz dich heute Abend fünf Minuten hin.
Ohne Handy, ohne Aufgabe.
Und stell dir eine einzige Frage:
Wann habe ich das letzte Mal etwas getan, das mir Energie gegeben hat – statt sie mir zu nehmen?
Wenn dir spontan nichts einfällt, dann weißt du, wo du stehst.
Und wenn du reden willst – nicht über To-Do-Listen, sondern über das, was wirklich los ist –, dann melde dich bei mir.
Nicht für eine Optimierung. Für ein ehrliches Gespräch.
Quellen
Yoshino & Smith zur Identitäts‑Maskierung Yoshino, K., & Smith, C. (2013). Uncovering Talent: A New Model of Inclusion. Deloitte / NYU School of Law. Link: „Deloitte-Studie zu Covering am Arbeitsplatz“
Deloitte / NYU – aktuelle Covering-Zahlen Deloitte University Leadership Center for Inclusion & NYU. Uncovering Culture / Identity Covering Reports. Link: „Aktuelle Deloitte-Zahlen zu Identitäts-Covering“
Hülsheger & Schewe zu Surface Acting und Erschöpfung Hülsheger, U. R., & Schewe, A. F. (2011). On the costs and benefits of emotional labor: A meta-analysis of three decades of research. Journal of Occupational Health Psychology, 16(3), 361–389. Link: „Meta-Analyse zu emotionaler Arbeit (Surface Acting)“
Hülsheger – Mechanismen emotionaler Erschöpfung Hülsheger, U. R. (2020). Why do emotional labor strategies differentially predict exhaustion? Link: „Warum Surface Acting besonders erschöpft“
Sapolsky zu Stress, Cortisol und Gehirn Sapolsky, R. M. (2009). Stress and Your Body. The Teaching Company. Link: „Robert Sapolsky: Was chronischer Stress mit dem Gehirn macht“

