Hochsensible in toxischen Beziehungen

von Gastautor 

Lea saß mit angezogenen Knien auf dem kalten Küchenboden, die Hände fest an ihre Schläfen gepresst. Ihr Herz raste, ihr Atem ging flach. „Nicht so laut, Nicolas… bitte nicht so laut…“ flehte sie ihren Freund an. Ihre eigene Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, während die Worte ihres Partners wie Schläge auf sie niederprasselten.

„Lea, du übertreibst wieder! Mach doch nicht immer so ein Drama!“
Seine Stimme schnitt durch die Luft wie ein scharfes Messer, ließ sie noch mehr schrumpfen. Der grelle Lichtschein über ihnen brannte in ihren Augen, das schrille Piepen des überkochenden Topfes hämmerte in ihren Ohren. Der Geruch von angebranntem Essen drang in ihre Nase, mischte sich mit der beißenden Spannung im Raum.

„Es tut mir leid… es tut mir leid…“
Die Worte kamen mechanisch über ihre Lippen, obwohl sie nicht einmal wusste, wofür sie sich entschuldigte.

Warum Hochsensible besonders anfällig für toxische Beziehungen sind

Nicolas und Lea waren nun schon seit einer Weile zusammen. Am Anfang fühlte sich alles an wie ein Märchen. Noch nie zuvor hatte jemand so sehr um sie geworben. Nicolas überschüttete sie mit Aufmerksamkeit, schrieb ihr ständig liebevolle Nachrichten, wollte jede freie Minute mit ihr verbringen. Sie war wie verzaubert – endlich hatte sie jemanden gefunden, der sie wirklich sah und ihr das Gefühl gab, etwas ganz Besonderes zu sein. Ihr ohnehin starkes Bindungsbedürfnis als Hochsensible ließ sie auf Wolke sieben schweben.

Doch es dauerte nicht lange, bis sich die ersten dunklen Wolken am Himmel zeigten. Die Nachrichten wurden seltener, seine Launen unberechenbar. Nicolas begann, sie zu kritisieren – mal war sie „zu empfindlich“, dann „zu anhänglich“ oder „zu anstrengend“. Wenn sie auf ihn zuging, wich er aus. Wenn sie sich zurückzog, warf er ihr Kälte vor. Sie verstand nicht, was sie falsch machte. Und sie kämpfte – kämpfte darum, wieder diesen liebevollen Mann zurückzubekommen, der ihr zu Beginn das Gefühl gegeben hatte, die Einzige für ihn zu sein.

Übrigens: Lea hatte Kopfschmerzen und Herzrasen. Hier im Blog findest du einen Artikel dazu, welche körperlichen Symptome bei hoher Sensibilität auftreten können.

Wie Hochsensible die Emotionen anderer wahrnehmen

Lea war hochsensibel. Jeder Reiz traf sie intensiver als andere Menschen. Ein scharfer Tonfall, ein genervtes Augenrollen oder eine angespannte Körpersprache – sie nahm es sofort wahr, und es fühlte sich an, als würde es direkt unter ihre Haut gehen. Ihre Sinne waren ständig auf Empfang. In ihrer Arbeit als Designerin war das eine Gabe – sie erkannte feinste Details, spürte Farben, Texturen und Stimmungen intuitiv. Doch in ihrer Beziehung wurde es ihr zum Verhängnis. Sie konnte Nicolas’ unterschwellige Wut spüren, noch bevor er selbst sie bemerkte. Sie fühlte die Distanz, die sich nach jedem Streit weiter aufbaute, und sie spürte tief in sich, dass etwas nicht stimmte. Doch sie ignorierte dieses Gefühl – weil sie ihn nicht verlieren wollte.

Nicolas hingegen wusste genau, wie sehr er Leas Empathie und ihr Bedürfnis nach Harmonie für sich nutzen konnte. Er drehte jede Situation so, dass sie sich schuldig fühlte. „Du übertreibst immer“, sagte er, wenn sie versuchte, über ihre Gefühle zu sprechen. Oder: „Kein Wunder, dass du so schwer auszuhalten bist.“ Und dann, wenn sie sich schwach und klein fühlte, kam er zurück – mit einer liebevollen Geste, einer versöhnlichen Nachricht, einem „Du weißt, dass ich dich liebe, oder?“. Jedes Mal fühlte es sich an wie eine Erleichterung. Jedes Mal dachte sie, jetzt wird alles wieder gut.

Doch gehen konnte sie nicht. Sie hatte Mitleid mit ihm. Nicolas hatte eine schwere Kindheit hinter sich – zumindest erzählte er das so. Sein Vater war cholerisch gewesen, seine Mutter kalt und distanziert. Er hatte niemanden außer ihr. Sie verstand ihn. Und genau das wurde ihr Verhängnis.

Mehr dazu, warum gerade hochsensible Menschen wie Lea schon früh emotionale Feinheiten anderer wahrnehmen, findest du im Blogbeitrag „63 typische Eigenschaften“.

Wie Selbstreflexion zur Falle wird

Leas vorherige Beziehungen waren nie leicht gewesen. Irgendwie schien sie immer diejenige zu sein, die sich zu sehr anstrengte, zu viel gab und am Ende doch das Gefühl hatte, nicht genug zu sein. Doch wenn sie ehrlich war, hatte dieses Gefühl nicht erst in ihren Beziehungen begonnen – es war schon immer da gewesen.

Schon als Kind hatte Lea gespürt, dass sie „anders“ war. Ihre Eltern hatten oft nicht verstanden, warum sie nach einem langen Schultag völlig erschöpft war, warum sie sich nach Streitigkeiten stundenlang zurückzog oder warum laute Geräusche sie zum Weinen brachten. „Du bist zu empfindlich“, sagten sie oft. „Du musst dir ein dickeres Fell zulegen.“ Aber wie? Sie wollte doch nur dazugehören, wollte geliebt werden. Also begann sie, sich anzupassen. Sie lernte, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Wenn sie niemanden störte, niemandem zur Last fiel, dann würden sie sie vielleicht so akzeptieren, wie sie war.

Und genau diese alte Prägung machte sie für Nikolaus so leicht manipulierbar. Er wusste genau, welche Knöpfe er drücken musste. Ein Augenrollen, ein enttäuschter Blick – und Lea suchte sofort nach dem Fehler bei sich. Hatte sie wieder übertrieben? War sie wirklich zu sensibel? Hatte sie ihn vielleicht provoziert? (Lies in Tipps gegen Grübeln, wie du aus dem endlosen Gedankenkarussel herauskommst.)

Nach jedem Streit war sie die Erste, die sich entschuldigte. „Es tut mir leid, ich wollte das nicht“, flüsterte sie, während sie versuchte, seine Hand zu nehmen. Manchmal nahm er sie an, manchmal ignorierte er sie. Aber immer hatte sie das Gefühl, dass es an ihr lag, ob die Beziehung funktionierte oder nicht.

Die Sehnsucht nach echter Nähe – ein Geschenk oder eine Gefahr?

Lea hatte sich schon immer anders gefühlt. Während andere Kinder scheinbar mühelos in großen Gruppen spielten, fühlte sie sich oft wie eine Zuschauerin – als würde sie das Leben von außen betrachten. Zu laut, zu hektisch, zu viel. Die Schule war eine tägliche Herausforderung. Das Gedränge in den Pausen, das grelle Licht im Klassenzimmer, das ständige Stimmengewirr – all das erschöpfte sie zutiefst. Nachmittags hatte sie keine Energie mehr, um sich mit Freunden zu treffen. Stattdessen zog sie sich zurück, las Bücher oder hörte Musik, um sich von der Außenwelt zu erholen.

Aber tief in ihrem Inneren hatte sie sich immer nach Nähe gesehnt. Nach einer Verbindung, die sich sicher und bedingungslos anfühlte. Nach jemandem, der sie wirklich verstand – ohne dass sie sich erklären musste.  (Mehr über Hochsensibilität in Beziehungen in diesem Blog.)

Und genau das hatte sie in Nicolas zu Beginn der Beziehung gespürt. Er hatte sie angesehen, als wäre sie das Wertvollste auf der Welt. Hatte ihr das Gefühl gegeben, dass sie einzigartig war. Mit ihm war es plötzlich leicht, sich zu öffnen. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich wirklich gesehen.

Doch was Lea nicht wusste: Narzissten erkennen diese tiefe Sehnsucht nach Verbindung sofort – und nutzen sie für sich. Sie spiegeln ihre Opfer in der Anfangsphase perfekt wider, lassen sie glauben, dass sie die große Liebe gefunden haben. Und genau deshalb fiel es Lea so schwer, loszulassen. Sie klammerte sich an die Erinnerung an diesen liebevollen Nicolas, an die Momente, in denen er sanft und zugewandt war. Sie verdrängte, dass diese Momente immer seltener wurden. Und sie hoffte – immer wieder –, dass er irgendwann wieder der Mann sein würde, den sie am Anfang kennengelernt hatte.

Wie Hochsensible sich vor toxischen Beziehungen schützen können

Leas Geschichte ist kein Einzelfall. Viele hochsensible Menschen fühlen sich tief mit ihrem Partner verbunden und geben sich selbst in der Beziehung auf – oft ohne es zu merken. Doch Hochsensibilität ist keine Schwäche. Sie kann eine große Stärke sein, wenn man lernt, sich selbst zu schützen und bewusstere Entscheidungen zu treffen.

1. Negative Überzeugungen hinterfragen

Lea hatte immer das Gefühl, dass sie für Liebe kämpfen muss, dass sie nicht genug ist und sich mehr anstrengen muss. Doch diese Glaubenssätze sind oft tief in der Kindheit verwurzelt und können Menschen immer wieder in toxische Beziehungen führen. Wer erkennt, dass Liebe nicht verdient, sondern empfunden wird, kann sich von diesem Muster befreien.

2. Auf das Bauchgefühl vertrauen

Hochsensible haben eine starke Intuition – und doch ignorieren sie sie oft. Auch Lea spürte früh, dass mit Nicolas etwas nicht stimmte. Doch sie verdrängte ihre Zweifel und suchte nach Entschuldigungen für sein Verhalten. Ein gesundes Bauchgefühl ist wie ein innerer Kompass. Wer lernt, ihm zu vertrauen, wird nicht so leicht in toxische Beziehungen gezogen.

3. Eigene Muster erkennen und durchbrechen

Leas Kindheit war geprägt von dem Versuch, alles richtig zu machen und für Harmonie zu sorgen. Kein Wunder, dass sie sich immer wieder in Beziehungen wiederfindet, in denen sie sich beweisen muss. Doch wer erkennt, dass er nicht für das emotionale Wohlbefinden anderer verantwortlich ist, kann beginnen, gesündere Beziehungen zu führen.

4. Klare Grenzen setzen

Grenzen sind kein Zeichen von Härte, sondern von Selbstachtung. Nicolas wurde wütend, wenn Lea für sich einstand – und genau das zeigt, dass er nicht an einer gleichwertigen Beziehung interessiert war. Wer lernt, klare Grenzen zu setzen, wird automatisch Menschen aus seinem Leben ziehen, die diese nicht respektieren.

5. Einen neuen Umgang mit Verlustangst finden

Lea hielt an Nicolas fest, weil sie tief in sich spürte, dass sie nicht allein sein wollte. Ihre Angst vor dem Verlassenwerden war größer als ihr eigenes Glück. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber in Beziehungen. Wer versteht, dass Alleinsein nicht bedeutet, einsam zu sein, kann eine Beziehung auf Augenhöhe eingehen – ohne sich selbst aufzugeben.

Als weitere konkrete Strategien könnte auch diese Hilfe gegen Überreizung oder diese Entspannungsmethode für Hochsensible für dich hilfreich sein.

Fazit: Hochsensibilität als Stärke nutzen

Hochsensible Menschen wie Lea brauchen keine dickere Haut – sie brauchen ein stärkeres Bewusstsein für sich selbst. Wer seine Sensibilität als Stärke erkennt, sich selbst mit Respekt begegnet und gesunde Grenzen setzt, kann auch eine erfüllende, liebevolle Beziehung auf Augenhöhe führen – ohne sich selbst dabei zu verlieren.

In einem anderen Beitrag auf diesem Blog findest du noch mehr dazu, wie Hochsensible glücklich sein können.

Über die Autorin

Katharina Samoylova ist Psychologin und Mentorin für Frauen nach toxischen Beziehungen. Sie unterstützt ihre Klientinnen dabei, sich emotional von ihrem Ex-Partner zu lösen, ihr Selbstbewusstsein zurückzugewinnen und wieder in ihre eigene Kraft zu kommen.

Mehr über ihre Arbeit erfährst du hier: Hilfe bei Narzissmus

Grübeln stoppen
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