Was ist dein Lieblingsmärchen?
Vielleicht hast du sofort eines vor Augen. Vielleicht geht es dir aber wie mir.
Als die Märchenerzählerin Bettina von Hanffstengel diese Frage in ihrer Blogparade stellte, dachte ich: Das schreibt sich schnell.
Dann ging ich in mich – und fand: nichts.
Kein spezielles Märchen, das ich mit meiner Kindheit verbinde. Keine Erinnerung an die Stimme, die mir abends vorlas, kein zerlesenes Lieblings-Buch unterm Kopfkissen. Ich kannte als Kind alle Märchen, natürlich. Aber keines davon hat eine Spur hinterlassen, die ich gerade finden kann - nur Bruchstücke und Fragmente.
Und genau das wurde die eigentliche Entdeckung: Was sich stattdessen zeigte, als ich suchte.
Unser Kasperletheater
Die erste Erinnerung, die auftauchte, war gar kein Märchen. Es war ein Kasperletheater.
Meine Stiefmutter hatte eine künstlerische Ader. Sie hat uns nicht einfach ein Puppentheater geschenkt – sie hat es zum Leben erweckt. Drei Holzplatten, blau bemalt, vorne ein Fenster mit Vorhang. Dahinter konnte man Kulissen aufhängen, die sie selbst gemalt hatte. Davor tanzten die Handpuppen, und wer sie führte, musste ihnen seine Stimme leihen, schön angepasst und dramatisch.
Ob wir damals Märchen gespielt haben? Eine Papp-Kulisse mit finsterem Wald sehe ich noch schemenhaft vor mir. Erinnerung ist ja ohnehin etwas Erzähltes – wir setzen sie aus Fetzen und Bruchstücken zusammen, und jedes Mal, wenn wir sie hervorholen, erfinden wir sie ein Stück weit neu. Vielleicht ist das meine früheste Verbindung zum Märchenerzählen: nicht ein bestimmtes Märchen, sondern die Bühne selbst. Der Rahmen, in dem Geschichten möglich werden. Von einer Person gebaut und bemalt, die in Märchen meist nicht gut dasteht - meiner Stiefmutter.
Sie kam zu uns, als ich sechs war und ich habe ihr so viel zu verdanken.
Ein Bild, das sich eingebrannt hat
In die Zeit vorher fällt eine Erinnerung, die mit Märchen nur auf den zweiten Blick zu tun hat. In unserem Ort gab es damals ein kleines Kino, das sich nicht lange hielt. Dort sah ich einen Film, der ganz sicher nicht für Kinder gedacht ist: *Die Herberge zur 6. Glückseligkeit* mit Ingrid Bergman. Eine junge Frau führt darin eine Schar Kinder wochenlang durch das kriegsversehrte China, zwischen den Fronten hindurch, in Sicherheit.
Einzelne Ausschnitte sehe ich bis heute vor mir: ein Hof mit Gefangenen und die Luke im Tor, ein Weg durchs Gebirge, Schüsse. Den Titel und welcher Film das war, habe ich später recherchiert – diese Szenen aber hatten sich so tief eingegraben.
Warum erzähle ich das in einem Beitrag über Lieblingsmärchen? Weil mir beim Erinnern klar wurde: Bilder wirken in mir lange nach. Das ist der Stoff, aus dem meine Märchenbeziehung gemacht ist. Nicht Handlungen, nicht Figuren – Bilder.

Ein moosüberwachsener Baumstumpf – und schon ist das alte Bild wieder da.
Mecki im düsteren Sumpfland
Noch so ein Bild: In der "Hör zu" gab es damals auf der letzten Seite die Bildergeschichten von Mecki, dem Igel. In einer Folge bereiste Mecki das Land des Zwergs Nase – Wilhelm Hauffs Märchen, in eine Bildergeschichte hineingeholt. Und da war dieses eine Bild: sumpfiges Gelände an einem Bach, düster, Giftpilze am Wegrand. Etwas gefährlich Dunkles, das mich als Kind gleichzeitig ängstigte und anzog.
Dieses Bild fällt mir heute noch ein. Wenn ich im Wald an einem moosüberwachsenen Baumstumpf vorbeikomme, an dem Pilze wachsen, ist es plötzlich wieder da – über sechzig Jahre alt und frisch wie am ersten Tag.
Kennst du solche Bilder? Eindrücke, die sich vor Jahrzehnten eingebrannt haben und plötzlich wieder da sind – bei einem Geruch, einem Lied, einem moosbewachsenen Baumstumpf.
Der Umweg zum Märchen
Richtig zu den Märchen gefunden habe ich erst als Erwachsener. In der Erzieherausbildung begegnete mir Bruno Bettelheims *Kinder brauchen Märchen*, und seitdem haben mich Märchen nie wieder losgelassen. Ich entdeckte Christian Andersen und - natürlich - Oscar Wilde. *Der glückliche Prinz*, die goldene Statue und die Schwalbe, die den Sommer verpasst, das hat mich damals tief berührt. Und Hermann Hesses Märchen gingen mir so unter die Haut, dass ich Mitte zwanzig sogar eine Fortsetzung zu einem von ihnen schrieb. Ich fand, die Geschichte war noch nicht zu Ende erzählt.
Vielleicht ist das mein Muster: Ich nehme Märchen nicht als abgeschlossene Kindheitsschätze mit durchs Leben. Ich finde sie immer wieder neu – und sie arbeiten in mir weiter.
Der Brunnen: mein Lieblingsbild
Wenn ich also kein Lieblingsmärchen habe – ein Lieblingsbild habe ich sehr wohl.
Es ist der Brunnen der Frau Holle.
Die Tochter lässt die Spule in den Brunnen fallen, springt ihr nach – und kommt nicht auf dem Grund an, sondern auf einer blühenden Wiese. Der Brunnen ist kein Loch. Er ist ein Durchgang.
Dieses Bild spricht mich zutiefst an. Im Schamanismus gibt es die Vorstellung der Reise in die Anderswelt: Man steigt durch eine Öffnung in der Erde hinab – eine Höhle, eine Quelle, einen Brunnen – und gelangt in eine andere Wirklichkeit, in der andere Gesetze gelten und in der Verwandlung möglich ist. Die Tiefenpsychologie würde sagen: der Abstieg ins Unbewusste. Dorthin, wo das liegt, was wir verloren haben – die Spule, die Erinnerung, Mutter und Stiefmutter, Bilder der Kindheit – und wo es nicht tot ist, sondern verwandelt auf uns wartet.
Genau das habe ich beim Schreiben dieses Artikels erlebt. Ich bin meiner eigenen Spule nachgesprungen. Und statt auf dem harten Grund einer leeren Erinnerung aufzuschlagen, bin ich auf einer Wiese gelandet, auf der mehr blüht, als ich dachte: ein blau bemaltes Puppentheater, ein Igel Mecki im Sumpfland, eine Frau, die Kinder durch schlimme Zeiten führt, eine Schwalbe, die bei ihrem Prinzen bleibt.

Er sitzt da, als hätte er Zeit. Vielleicht wartet er auf jemanden, der hinüberspringt...
In der Nacht danach
Ich dachte, dieser Artikel wäre fertig. Aber der Brunnen war es nicht.
In der Nacht darauf lag ich lange wach – das geschieht gelegentlich. Und da fiel mir die Kiste mit den Dias ein, die nebenan stand.
Vielleicht steht auch bei dir irgendwo so eine Kiste.
Seit Jahren will ich sie durchsehen. Jetzt war die Gelegenheit.
Meist Schnappschüsse und Stimmungsbilder, die meine Stiefmutter gemacht hat. Meine Schwester und ich am Weserufer – ach, damals haben wir Kiesel geworfen, und ich bekam einen Stein an den Kopf! Der Umzug aus der zu klein gewordenen Wohnung ins eigene Haus – die Möbel auf einem Heuwagen, gezogen vom Traktor.
Und irgendwo zwischen diesen Bildern taucht es wieder auf: das große Märchenbilderbuch. Rotkäppchen und der böse Wolf. Da war es also doch, das Märchenbuch meiner Kindheit. Hatte ich es nicht vor Jahren noch einmal in den Händen? Es könnte auf dem Speicher liegen.
Vielleicht steige ich hinauf. Der Brunnen führt offenbar in beide Richtungen.
Was das Märchen mit mir macht
Vielleicht beeinflusst mich mein Lieblingsmärchen gerade deshalb bis heute, weil es keines ist – sondern ein Bild vom Übergang. Es erinnert mich daran, dass unter der Oberfläche des Vergessenen eine andere Welt liegt. Dass es sich lohnt, hinabzusteigen, auch wenn man nicht weiß, wo man landet. Und dass Menschen, die Bilder tief aufnehmen und lange in sich tragen, keine Träumer sind – sondern Brunnenspringer.
Danke, liebe Bettina, für die Einladung zu dieser Blogparade. Ohne deine Frage wäre ich nicht gesprungen.
Die Fotos entstanden am Elfenpfad bei Dill im Hunsrück, einem Teilstück der Traumschleife Diller Burgpfad.
Und meine Frage an dich lieber Leser, liebe Leserin:
Was ist dein Lieblingsmärchen – oder dein Lieblingsbild aus einem Märchen? Wo liegt deine Spule? Schreib mir gern eine E-Mail an post (ät) sensiblehelden.de
